Psychotherapie

Wie wirksam ist psychodynamische Psychotherapie? Und was sagt die Forschung dazu?

Kaum eine Frage wird Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten so häufig gestellt wie diese. Wer eine Therapie beginnt, investiert Zeit, Geld und Hoffnung. Verständlich also, dass viele Menschen wissen möchten, ob Psychotherapie tatsächlich wirkt und ob sich die Veränderung auch langfristig hält.

Gerade die psychodynamische Psychotherapie begegnet dabei bis heute einem hartnäckigen Vorurteil. Während Verhaltenstherapie häufig als das „wissenschaftlich belegte“ Verfahren gilt, wird psychodynamischen Ansätzen gelegentlich nachgesagt, sie seien zwar interessant, aber empirisch schlechter abgesichert.

Was meinen wir überhaupt, wenn wir sagen, eine Therapie wirkt?

In der Psychotherapieforschung wird Wirksamkeit häufig anhand standardisierter Fragebögen gemessen. Untersucht wird beispielsweise, ob depressive Symptome zurückgehen, Ängste abnehmen oder sich die allgemeine Lebensqualität verbessert.

Solche Messinstrumente sind wichtig, weil sie Veränderungen vergleichbar machen und Aussagen darüber erlauben, ob eine Behandlung wirksam war. Das sind wichtige Fragen, aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Viele Menschen erleben Veränderung nämlich noch auf einer anderen Ebene. Sie gehen anders mit ihren Gefühlen um. Beziehungen verlaufen weniger konflikthaft. Alte Muster verlieren ihren Einfluss. Entscheidungen fühlen sich freier an. Solche Veränderungen lassen sich deutlich schwerer messen als die Anzahl depressiver Symptome.

Was zeigen Metaanalysen?

Die bisherige Forschung spricht dafür, dass psychodynamische Psychotherapie ähnlich wirksam ist wie andere wissenschaftlich anerkannte Psychotherapieverfahren.

Mehrere Metaanalysen zeigen vergleichbare Effektstärken bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass therapeutische Veränderungen bei vielen Menschen auch nach dem Ende der Behandlung weiter bestehen oder sich sogar noch vertiefen können.

Diese Befunde sprechen nicht dafür, dass eine Therapieschule grundsätzlich „besser” wäre als eine andere. Sie zeigen vielmehr, dass nachhaltige Veränderungen ein Merkmal erfolgreicher Psychotherapie insgesamt sein können.
Psychodynamische Psychotherapie geht davon aus, dass psychisches Leiden selten nur aus einzelnen Symptomen besteht. Hinter Ängsten, Depressionen oder wiederkehrenden Konflikten stehen häufig unbewusste Beziehungsmuster, innere Konflikte oder frühere Erfahrungen, die das heutige Erleben weiterhin beeinflussen.

Deshalb besteht das Ziel nicht allein darin, Beschwerden zu lindern. Ebenso wichtig ist es, innere psychische Fähigkeiten zu stärken, die langfristig zu einem selbstbestimmteren Leben beitragen.

Im Alltag zeigt sich das oft in kleinen Veränderungen, die zunächst unscheinbar wirken, für Betroffene aber einen großen Unterschied machen. Plötzlich muss nicht mehr jede Emotion sofort in Handlung umgesetzt werden. Menschen gewinnen mit der Zeit mehr Spielraum zwischen Erleben und Reagieren. Eigene Gefühle werden verständlicher, innere Konflikte besser erkennbar und Beziehungsmuster verlieren etwas von ihrer Selbstverständlichkeit. Entscheidungen orientieren sich weniger an alten Ängsten oder unbewussten Erwartungen und stärker an den eigenen Bedürfnissen und Werten. Dadurch entsteht häufig das Gefühl, nicht einfach anders zu funktionieren, sondern sich
selbst auf eine neue Weise begegnen zu können.

Der Sleeper Effect – wirkt Therapie manchmal erst später?

In der Psychotherapieforschung wird gelegentlich der sogenannte Sleeper Effect diskutiert. Gemeint ist die Annahme, dass manche therapeutischen Veränderungen erst mit zeitlichem Abstand vollständig sichtbar werden.

Nicht jede Entwicklung zeigt sich unmittelbar nach der letzten Session. Manche Einsichten scheinen ihren eigentlichen Platz erst im Alltag zu finden. Erst Monate später fällt auf, dass Konflikte anders erlebt werden, Grenzen leichter gesetzt werden können oder vertraute Situationen nicht mehr dieselben Reaktionen auslösen wie früher.

Die Münchner Psychotherapiestudie fand Hinweise darauf, dass insbesondere psychodynamische Behandlungen langfristig stabile Veränderungen zeigen und therapeutische Prozesse auch nach Therapieende weiterlaufen können.

Eine spätere Metaanalyse von Flückiger und Kolleginnen und Kollegen kommt jedoch zu einem differenzierteren Ergebnis: Die bisherige Gesamtevidenz spricht nicht dafür, dass eine bestimmte Therapieschule grundsätzlich einen stärkeren Sleeper Effect aufweist als eine andere.

Die Forschung legt vielmehr nahe, dass langfristige Veränderungen ein Merkmal erfolgreicher Psychotherapie insgesamt sein können.


Menschen berichten vor allem auch NACH der Beendigung von Therapie oft, dass

  • sie Konflikte anders erleben als früher
  • Gefühle besser einordnen können oder sich in Beziehungen weniger von alten Mustern bestimmen lassen.
  • Manche beschreiben, dass sie erstmals Grenzen setzen können, ohne Schuldgefühle zu entwickeln.
  • Andere erzählen, dass sie schwierige Situationen nicht mehr vermeiden müssen oder sich selbst mit mehr Verständnis begegnen.

Solche Entwicklungen sind schwieriger zu messen als die Intensität depressiver Symptome. Sie gehören jedoch häufig zu den Veränderungen, die Betroffene als besonders bedeutsam erleben.

FAZIT: Was zeichnet psychodynamische Psychotherapie aus?

Psychotherapie bedeutet mehr als Symptomreduktion.

Sie kann dazu beitragen, dass Menschen sich selbst besser verstehen, ihre Gefühle bewusster regulieren, Beziehungen anders gestalten und alte Muster Schritt für Schritt verändern. Manche dieser Entwicklungen werden bereits während der Therapie sichtbar. Andere zeigen sich erst später; im Alltag, in Beziehungen oder in Situationen, die früher kaum zu bewältigen gewesen wären.

Vielleicht lässt sich genau deshalb nicht jede therapeutische Veränderung unmittelbar messen. Manche Veränderungen brauchen Zeit, bis sie Teil des eigenen Erlebens werden.

Quelle

Für diesen Beitrag wurden aktuelle psychotherapiewissenschaftliche Übersichtsarbeiten sowie Langzeitstudien zur Wirksamkeit psychodynamischer Psychotherapie herangezogen. Dazu zählen unter anderem die Arbeiten von Shedler (2010), die Münchner Psychotherapiestudie (Huber et al., 2013; Huber & Klug, 2016), die Metaanalyse von Leichsenring & Rabung (2008) sowie die kritische Einordnung des Sleeper Effects durch Flückiger & Del Re (2017).

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