Wer zum ersten Mal mit psychodynamischer Psychotherapie in Berührung kommt, begegnet oft Begriffen wie unbewusst, Konflikte, Beziehungsmuster oder frühe Erfahrungen. Gleichzeitig bleibt häufig unklar, was damit im therapeutischen Alltag eigentlich gemeint ist.
Psychodynamische Therapie ist weniger eine Sammlung bestimmter Techniken als vielmehr eine bestimmte Art, auf menschliches Erleben zu schauen. Es geht davon aus, dass wir nicht immer vollständig verstehen, warum wir fühlen, denken oder handeln, wie wir es tun. Vieles erscheint selbstverständlich, wiederholt sich über Jahre oder wird als Teil der eigenen Persönlichkeit erlebt. Erst wenn man genauer hinschaut, werden Zusammenhänge sichtbar.
Dabei steht nicht die Suche nach einer verborgenen Wahrheit im Mittelpunkt. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Ebenen des Erlebens miteinander in Beziehung zu bringen und neugierig auf das zu werden, was bislang wenig Beachtung gefunden hat.
GEFÜHLE VERSTEHEN
Menschen können oft recht genau sagen, was sie fühlen: traurig, wütend, enttäuscht oder ängstlich.
Doch zwischen dem Benennen eines Gefühls und dem wirklichen Erleben und Verstehen liegt manchmal ein großer Unterschied.
Psychodynamisches Arbeiten interessiert sich dafür, wie Gefühle erlebt werden, welche Bedeutungen sie haben und welche Erfahrungen sich möglicherweise in ihnen ausdrücken.
Manchmal zeigt sich, dass hinter einer offensichtlichen Emotion noch andere Gefühle verborgen liegen. Ärger kann beispielsweise mit Enttäuschung verbunden sein. Rückzug mit Sehnsucht. Anpassung mit Wut.
DORT HINSCHAUEN WO ETWAS VERMIEDEN WIRD
Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Wege, mit Belastungen umzugehen. Manche lenken sich ab, andere rationalisieren, ziehen sich zurück oder bemühen sich besonders stark, die Kontrolle zu behalten.
Solche Strategien sind häufig sinnvoll entstanden. Sie haben geholfen, schwierige Situationen zu bewältigen oder emotionale Belastungen erträglicher zu machen.
Gleichzeitig kann es interessant sein zu beobachten, wo bestimmte Themen immer wieder umgangen werden. Als Hinweis darauf, dass etwas möglicherweise noch keinen guten Platz gefunden hat.
Psychodynamische Therapie interessiert sich daher oft ebenso für das, worüber gesprochen wird, wie für das, was regelmäßig ausgeblendet bleibt.
Wiederkehrende Muster erkennen
Manche Menschen berichten davon, immer wieder in ähnliche Situationen zu geraten.
Sie erleben ähnliche Konflikte in Beziehungen. Fühlen sich regelmäßig übersehen, verantwortlich, ausgeschlossen oder kritisiert. Oder sie stellen fest, dass sie in unterschiedlichen Lebensbereichen auf erstaunlich ähnliche Weise reagieren.,
Psychodynamisch betrachtet sind solche Wiederholungen häufig nicht zufällig.
Die Bedeutung früher Erfahrungen
Psychodynamische Therapie beschäftigt sich auch mit der Lebensgeschichte eines Menschen.
Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit für alles verantwortlich zu machen oder dauerhaft in ihr zu verweilen. Frühere Erfahrungen werden vielmehr als ein möglicher Hintergrund verstanden, vor dem gegenwärtiges Erleben besser verständlich werden kann.
Jeder Mensch entwickelt Vorstellungen darüber, wie Beziehungen funktionieren, was von anderen zu erwarten ist und wie mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen ist. Diese Vorstellungen entstehen nicht im luftleeren Raum.
Sie werden in Beziehungserfahrungen geformt und wirken oft
weit über die ursprünglichen Situationen hinaus.
Manchmal zeigt sich erst im Rückblick, wie sehr bestimmte Erfahrungen noch heute das eigene Erleben prägen.
Wünsche, Fantasien und innere Möglichkeiten
Im Alltag richten wir unsere Aufmerksamkeit oft auf das, was funktioniert, erledigt werden muss oder gerade dringend erscheint.
Wünsche, Fantasien, Tagträume oder innere Bilder geraten dabei leicht in den Hintergrund.
Psychodynamisches Denken betrachtet diese Bereiche nicht als Nebensache. Sie können Hinweise darauf geben, was einem Menschen wichtig ist, welche Sehnsüchte bestehen oder welche Möglichkeiten bislang wenig Raum gefunden haben.
Eine Haltung der Neugier
Vielleicht lässt sich psychodynamisches Handeln letztlich am ehesten als eine Form der Neugier beschreiben.
Eine Neugier auf das, was sich hinter vertrauten Erklärungen verbirgt. Auf Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Auf Gefühle, die noch keine Worte gefunden haben. Auf Muster, die sich wiederholen. Und auf innere Möglichkeiten, die bislang wenig Beachtung gefunden haben.
Um besser zu verstehen, wie Menschen geworden sind, wer sie heute sind und welche Entwicklungsschritte vielleicht noch möglich werden könnten.
Quelle
Literaturhinweis: Die dargestellten Gedanken orientieren sich an zentralen aktuellen Konzepten der psychodynamischen und psychoanalytischen Psychotherapie, u. a. nach Gerd Rudolf, Mertens, OPD
